Die Frage einer Obergrenze für Direktzahlungen in der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) nach 2027 spaltet auch den Landwirtschaftsausschuss (AGRI) des Europaparlaments – und zwar quer durch die politischen Lager. Vertreter von Copa und Cogeca sowie die Denkfabrik Farm Europe lehnten eine Kappung bei einer AGRI-Anhörung zur geplanten Förderstruktur und Zukunft der Direktzahlungen am Donnerstag (25.6.) klar ab.
Kommission über Forderungen des Agrarrats besorgt
Was den AGRI eint, ist die Sorge vor einer Renationalisierung der Gemeinsamen Agrarpolitik. Offenbar treibt auch die EU-Kommission um, dass die Flexibilisierungsbestrebungen im Rat die Unterschiede in den Agrarpolitiken der Mitgliedstaaten absehbar vergrößern. Die Direktorin in der Generaldirektion Landwirtschaft (DG AGRI), Christine Geslain-Lanéelle, untermauerte die von EU-Agrarkommissar Christophe Hansen beim jüngsten Agrarrat vorgetragene Sorge, wonach die Forderungen der Agrarminister nach mehr Flexibilität die gemeinsame Basis der GAP gefährden.
Zu den Kappungsplänen befragt, erklärte die Französin, dass von der vorgeschlagenen Obergrenze für jährliche Direktzahlungen von 100.000 Euro 96% der landwirtschaftlichen Betriebe nicht betroffen wären. Zur vorgeschlagenen Degression ab 20.000 Euro äußerte sie sich dagegen nicht.
Berufsstand hält nichts von einer Obergrenze
Die stellvertretende Vorsitzende der Copa-Cogeca-Arbeitsgruppe „Direktzahlungen“, Maria Skovager Østergaard, hatte zuvor klargestellt, dass der Berufsstand eine Obergrenze ablehnt. Ein solcher Schritt gefährde die Versorgungssicherheit, argumentierte sie. Stattdessen sprach Skovager Østergaard sich für eine stärkere Förderung kleinerer Betriebe und Junglandwirte aus. Mit Blick auf die Pläne für den Fonds für nationale und regionale Partnerschaft (NRP) drängte sie auf eine eigenständige GAP.
Hektarzahlungen an die Bodengüte anpassen
Auch der Generalsekretär der Denkfabrik Farm Europe, Luc Vernet, forderte eine Abkehr von den Kappungs- und Degressionsplänen der EU-Kommission. Stattdessen könne er sich an natürlichen Produktionsbedingungen wie der Bodengüte orientierte Hektarzahlungen vorstellen. Im Falle eines ukrainischen EU-Beitritts würden die ertragreichen Schwarzerdeböden des Landes entsprechend geringer gefördert als etwa Sandböden in benachteiligten Regionen.
Wie Skovager Ostergaard mahnte auch Vernet, die Gemeinsamkeiten der GAP nicht zu gefährden, und sprach sich für eine weitere Stärkung der produktgekoppelten Zahlungen aus.
Konstruktive Vorschläge gefragt
Der GAP-Verhandlungsführer im Europaparlament und Schattenberichterstatter für die NRP-Pläne, Norbert Lins, warf der EU-Kommission vor, sich bei der drohenden Renationalisierung die Sache etwas einfach zu machen. Schließlich stamme die Grundlage für diese Entwicklung aus der Feder der Brüsseler Behörde selbst. An die Berufsstandsvertreter gewandt, erklärte der CDU-Politiker, er wünsche sich mehr konstruktive Vorschläge, wie es besser gehen könnte.
Überparteilich für eine Kappung
Deutliche Kritik an der Ablehnung einer Direktzahlungsobergrenze übte Thomas Waitz. Der agrarpolitische Sprecher der Grünen/EFA-Fraktion erklärte in Richtung Skovager Ostergaard und Vernet, es sei ihm schleierhaft, wie man eine solche Ablehnung gegenüber der überwältigenden Mehrheit der eigenen Mitglieder rechtfertigen könne. „Warum setzen Sie sich derart für eine sehr kleine Minderheit Ihrer Mitglieder ein?“ Mit Blick auf die Forderungen im Rat nach mehr Flexibilität verlangte der Österreicher stattdessen mehr Klarheit und präzisere Regeln.
Ihm zur Seite sprangen der EVP-Agrarsprecher Herbert Dorfmann und sein Kollege aus der Renew-Europe-Fraktion, Asger Christensen. Der Südtiroler und der Däne stellten beide klar, dass es nun an der Zeit sei, einen Riegel vorzuschieben. Christensen begründete eine Direktzahlungsobergrenze auch mit dem perspektivischen EU-Beitritt der Ukraine.
Dorfmann fordert wirksame Gegenvorschläge
Dorfmann betonte, in Teilen der EU nehme Landgrabbing Ausmaße an, die auch der Steuerzahler nicht mehr akzeptiere. Wie jüngst Agrarkommissar Hansen verwies er auf seiner Ansicht nach „nicht zu akzeptierende Zahlungen“ an arabische Scheichs. Statt einer Ablehnung der Kappung wolle er lieber wirksame Gegenvorschläge sehen.
Vernet warf er vor, gleichzeitig mehr Gemeinsamkeiten in der GAP und mehr produktionsorientierte Kopplung auf Ebene der Mitgliedstaaten zu fordern. Beides zusammen sei nicht vereinbar, erklärte der italienische Abgeordnete.
Gegenwind von EVP-Kollegin
Gegenwind erhielt Dorfmann von seiner Fraktionskollegin, der spanischen EVP-Politikerin Carmen Crespo Díaz. Wie Skovager Østergaard und Vernet lehnt auch sie eine Kappung ab und führte das Argument der gefährdeten Versorgungssicherheit ins Feld.
Eine produktionsorientierte Kopplung sei wichtig, um besonders kleine und vulnerable Betriebe zu unterstützen. Gleichzeitig gelte es, die Gemeinsamkeiten der GAP aufrechtzuerhalten.
Mehr Flexibilität schwächt Standards
Für mehr Einheitlichkeit in der GAP sprach sich auch der agrarpolitische Sprecher der GUE/NGL-Fraktion, Luke Ming Flanagan, aus. Den Forderungen der Agrarminister nach mehr Flexibilität – mit dem Argument, dadurch höhere Umwelt- und Tierwohlziele erreichen zu können – trat er entgegen. Mehr Flexibilität habe etwa bei den 2023 eingeführten Eco Schemes zu deutlich mehr Bürokratie geführt, so der Ire. Zudem hätten die Mitgliedstaaten bei den Standards bisher stets nur das absolute Minimum umgesetzt. AgE